Warum die Bahn nicht helfen kann

Bahn_Kurhessen

Immer wieder wird diskutiert, Transportvolumen von der Straße auf die Bahn zu verlagern um somit die Straßen zu entlasten. Leider sieht die Realität ganz anders aus:

Die Bahn war lange Stiefkind in Deutschland. Vieles wurde falsch gemacht. Zeichen der Zeit wurden entweder nicht erkannt oder falsch interpretiert.

Mittlerweile hat die Bahn allerdings wieder ihren Platz gefunden und macht Gewinn.

Aber wo ist ihr Platz?

 

  1. Personenfernverkehr
  • Schnelle Züge verbinden die Metropolen ohne große Zwischenhalte
  • Dies geht in vielen Fällen besser als mit dem Flugzeug oder PKW
  • Außerdem kann man in der Bahn entspannen oder sogar arbeiten

 

  1. Personennahverkehr
  • Der funktioniert dort gut, wo es in Städten (gewollt?) wenig Parkplätze gibt,
  • wo rush hour Pendlerstaus umgangen werden können
  • wo Taktzeiten kurz sind
  • auch die wiedereröffnete Kurhessenbahn zeigt erst Erfolge im Personennahverkehr.Bahn_Passagiere

 

  1.   Güterverkehr bei großen Mengen über große Strecken
  • Kohle von Wilhelmshaven zu den Kraftwerken in Süddeutschland
  • Neuwagen von den Fabriken zu den SeehäfenTrain_Cars
  • Mineralöl aus den Tankern nach Süddeutschland
  • Zement (in einigen Fällen) aus der Fabrik zum Verteilzentrum

Campl_Ciment_Train3

  • chemische Vorprodukte aus einem Standort zu finalen Bearbeitung woanders
  • Züge mit Standardcontainern
  • Züge mit Schüttgut in großen Mengen

Train_coal

  • Erze aus Minen im Landesinneren zu den Häfen an der Küste (Australien, Afrika)
  • Güterverkehr per Bahn funktioniert dort gut, wo 500 Tonnen mindestens 200 km am Stück transportiert werden müssen

 

  1. Die Bahn funktioniert überhaupt nicht im Stückgutbereich
  •  sowie beim Transport kleiner (<500Tonnen) Mengen über kurze Strecken (<200km). Leider besteht der allergrößte Teil aller Transporte aus Transporten, die für die Bahn ungeeignet sind!
  • Im Rahmen der im Sommer 2016 angekündigten Güterverkehr-Sanierung will die Bahn weitere Arbeitsplätze in diesem Bereich abbauen. Dazu sollen auch  215 der jetzt noch 1.500 Gleisanschlüsse bei Firmen in Hessen entfallen.  Und wieder werden mehr Transporte von der Bahn auf die Straße verlagert!

Warum ist das so?

Der größte Kostenfaktor bei der Bahn sind einserseits die Beladung/Entladung und andererseits die Zug-Zusammenstellung (Rangierarbeiten).

Diese Kosten werden minimiert, indem ein ganzer Zug ohne Rangieren (möglichst vollautomatisch) beladen werden kann:

Quelle: youtube

Ferner sollte der komplette Zug das selbe Ziel haben, es dürfen also keine Zwischenrangierungen erforderlich werden.

Dies funktioniert außerdem dann gut, wenn die Beladung selbständig erfolgt, also zum Beispiel wenn die Fracht sich selbst einlädt, ergo im Personenverkehr.

Stückgutwaggons lassen sich leider nur sehr aufwändig beladen. Rangierarbeit kostet sehr viel Geld.

Solche Züge mit gemischter Waggonzusammenstellung gibt es leider heute so gut wie nur noch im Museum:Norden_Gueterzug

Viele Firmen hatten früher Gleisanschlüsse. Die Beladung erfolgte in den Firmen selbst. Die Bahn musste den Waggon nur noch „abholen“. Selbst das ist heute viel zu teuer geworden für einzelne Waggons.

Meistens ist der letzte Bahnhof nicht das endgültige Ziel der Ware, d.h. es wäre ein erneutes Umladen, dann auf LKWs, erforderlich. Der gesamte Transport wird dadurch langsam und teuer.

Viele Firmen haben ihre ehemals vorhandene Gleisanschlüsse längst demontiert. Anstelle dessen werden die Waren (immer öfter nachts) per LKW transportiert.

Beispielhaft für die gesamte Branche ist folgende Situation (am Bahnhof Ober-Ramstadt):

OberRamstadt_LKW_Entladung_am_Bahnhof3Obwohl ein Gleisanschluss vorhanden ist, wird er aktuell seit Jahren nicht mehr genutzt. Unter ökonomischen Gesichtspunkten ist eine Nutzung des Gleisanschlusses aktuell nicht sinnvoll. LKW-Transporte sind nun mal viel flexibler und meist auch billiger. Hoch anzurechnen ist immerhin, dass dieser Gleisanschluss nicht demontiert wurde als vor einigen Jahren die Fahrgleise auf den aktuellen Stand gebracht worden sind.

Sollte doch irgendwann einmal der Bahntransport von Stückgütern wieder wirtschaftlicher als LKW-Transporte werden, dann müssen wir mit ganz vielen anderen Nachteilen in genau diesem Zusammenhang rechnen. Jeder kann sich ausmalen, was das bedeuten könnte.

Dies würde sich ganz sicher sehr negativ auf unsere persönliche Mobilität auswirken. Dies gilt insbesondere für diejenigen Wege, die wir heute mit dem Auto zurücklegen.

In Waldeck-Frankenberg gibt es (nach unserem Kenntnisstand) im Moment keine einzige Produktionsstätte, wo ein Bahnanschluss ökonomisch sinnvoll nutzbar sein könnte. Und drauflegen will ja auch keiner.

Hier funktioniert nur die Straße!!

Und es ist diesbezüglich keinerlei Änderung in Sicht.

Wer hat in Korbach oder Berndorf zuletzt mal einen echten Güterzug (kein Werkstatt- oder Museumszug) gesehen?

last revised: 2016-06-08

 

Berndorf ohne Autobahn